Appell des Bündnis “Völkermord verjährt nicht!”


Völkermord ist Völkermord!


Deutschland muss den Genozid an den OvaHerero und Nama endlich offiziell anerkennen


Am 9. Juli 2015 jährt sich zum 100. Mal das Ende der deutschen Kolonialherrschaft im heutigen Namibia. Diese Fremdherrschaft basierte auf Betrug, Gewalt, Ausbeutung und einem kolonialrassistischen Weltbild. Besonders entschlossen setzten sich dagegen die OvaHerero und Nama zur Wehr. Ihr Widerstand wurde von der kaiserlichen „Schutztruppe“ mit dem ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts beantwortet. Die beiden berüchtigten Vernichtungsbefehle, die durch Generalleutnant von Trotha 1904 und 1905 im Namen des deutschen Kaisers erlassen wurden, sind in ihrer genozidalen Absicht eindeutig.

Nach der Schlacht am Waterberg wurde ein Großteil der OvaHerero-Bevölkerung in die Omaheke-Steppe getrieben, wo viele entkräftet verdursteten. Die Überlebenden wurden ebenso wie gefangene Nama in Konzentrationslagern Zwangsarbeit, Hunger, Klima und Krankheiten ausgesetzt. Gebeine von Ermordeten wurden zu rassistischen Forschungen nach Deutschland verschickt. Nach Schätzungen von Fachleuten sind bis zu 80 Prozent der OvaHerero und 50 Prozent der Nama den deutschen Kolonialverbrechen zum Opfer gefallen.

Die Überlebenden des Völkermords wurden im verbleibenden Jahrzehnt deutscher Kolonialherrschaft enteignet, in Reservate gesperrt und zur Arbeit für das Kolonialsystem gezwungen. Bis heute fehlen den OvaHerero und Nama durch den damaligen Raub von Land und Vieh die ökonomischen Lebensgrundlagen. Zu den Opfern gehörten auch Damara und San.

Abgeordnete aller Fraktionen des Deutschen Bundestages haben am 24. April 2015 den Genozid der Jungtürken an Armenierinnen und Armeniern als solchen anerkannt und an das historische Verantwortungsbewusstsein der Türkei appelliert. Bundespräsident Gauck betonte, dass die Nachfahren der Opfer „die Anerkennung historischer Tatsachen und damit auch einer historischen Schuld“ zu recht erwarten dürfen und dass es „ohne Wahrheit keine Versöhnung“ geben kann.

Entsprechend muss sich auch Deutschland endlich zur Wahrheit und zu seiner eigenen historischen Verantwortung für den Völkermord im damaligen „Deutsch-Südwestafrika“ bekennen: Es darf für afrikanische Genozid-opfer und ihre Nachfahren keine Ungleichbehandlung geben!

Wir fordern den Bundespräsidenten, den Bundestag und die Bundesregierung auf, am 9. Juli 2015, dem 100. Jahrestag des Endes der deutschen Kolonialherrschaft im heutigen Namibia,


den Völkermord an den OvaHerero und Nama, der schon immer als solcher hätte gelten müssen, offiziell anzuerkennen;

die Nachfahren der Genozidopfer förmlich um Entschuldigung zu bitten;

sich für die Identifizierung und Rückgabe aller nach Deutschland verschleppten Gebeine von Menschen aus Namibia und anderen ehemaligen Kolonien einzusetzen;

sich zu einem bedingungslosen und offenen Dialog über Versöhnungsmaßnahmen mit den Nachfahren der Genozidopfer und mit der namibischen Regierung bereit zu erklären.





Bündnis “Völkermord verjährt nicht!” | 09.06.2015 | www.genocide-namibia.net | buero@berlin-postkolonial.de



Prof. Dr. Walter Hundt,

einer der Erst-Unterzeichner

des Appells am  09.06.2015